Rudern @ Dresdenia Berlin
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Vermischtes
Gleich nachdem ich im Frühjahr bei der Dresdenia mit dem Rudern angefangen hatte, erzählte mir unser aller Hadi von der legendären Sternfahrt im Oktober und hatte mich so neugierig gemacht, dass ich sie mir nicht entgehen lassen wollte, obwohl meine Berliner Zeit inzwischen abgelaufen war. So machte ich mich auf die lange Reise vom Westen der Republik aus, um das mitzuerleben.
Am Abend bei meiner Ankunft das Klubgelände wie immer sauber und gepflegt, erlebte ich den Mondaufgang über der Scharfen Lanke in andächtiger Stille. Gäste aus Braunschweig trafen ein, die - ebenfalls mit grünen Clubfarben und sonnigem Gemüt - gut in unsere Gemeinschaft passten.
Hadi hatte gesagt, ich solle schönes Wetter mitbringen. Na, ja, eigentlich gehöre auch ich in die Fraktion derer, die renitent, unbotmäßig und aufsässig sind, aber ich dachte, es könnte eventuell eine gute Idee sein, beschied, dass es bei so viel Gepäck darauf auch nicht mehr ankäme und gehorchte ausnahmsweise. So kam es, dass wir in diesem Jahr ganz untypisches Wiking-Wetter hatten, nämlich wunderbaren Sonnenschein und sommerliche Temperaturen.
Faszinierend am Rudern ist für mich das Licht. Da man direkt auf dem Wasser sitzt, strahlt die Sonne nicht nur vom Himmel auf uns herab, nein, die gesamte Wasseroberfläche, jede kleine Welle reflektiert sie, sie ist vorne und hinten, und rechts und links, man ist förmlich umhüllt von Sonne und Licht, alles funkelt, glitzert, man sitzt auf einer riesigen Fläche von Diamanten und Brillanten, wie es nur Prinzen und Prinzessinnen, Königinnen und Königen gebührt. Das geht so lange gut, bis einer im Boot seinen märkischen Mund aufmacht und verkündet, wie lange man alljährlich an der Charlottenburger Schleuse warten muss. Nur, wegen dem Realitätssinn, den Tatsachen ins Auge sehen, auch wenn sie noch kilometerweit entfernt sind und wir schließlich gar keine Wartezeit haben, oh Wunder, wieder völlig Wiking-untypisch, aber das macht nichts, sonst würde ich noch in eine völlig entrückte Stimmung geraten, und womöglich aus dem Takt kommen.
Das Wetter bleibt uns treu, ein paar Tropfen fallen in der Nacht aber am anderen Morgen, bei der Fahrt durch den Landwehrkanal, wieder das Licht, das sich sogar unter die Brücken schleicht und oszillierende Muster von unten auf die Wölbungen schreibt.
Ich wusste ja gleich, dass es eine gute Idee war, gutes Wetter mitzubringen. So war die Wiking-Sternfahrt ein wunderbar großer Schluck Sonne! Wer weiß, vielleicht der letzte in diesem Jahr.
Berlin präsentiert sich von der Bahn aus schäbig, von der Straße aus schmutzig und vom Wasser aus?
Die ersten Kilometer durch Spandau hindurch, Siemensstadt, Kraftwerke. Die Industriekulisse macht deutlich, dass 3 Millionen Menschen nicht einfach so zusammenleben können, sie müssen versorgt werden, sie müssen arbeiten, das ist die Realität, aber es tut der Schönheit keinen Abbruch, die Perspektive ist neu, erstaunlich, im Licht der Sonne nichts schäbig oder trüb, eher stolz. Hier stört heute gar nichts.
Später dann, in Charlottenburg, viele Brücken, die Häuser majestätisch. Venedig fällt mir ein. Nur ist Berlin weiträumig, weniger morbide und fault seinen Bewohnern nicht unter dem Hintern weg.
Dann der Tiergarten, die neue Hauptstadt präsentiert sich. Die Architektur vom Wasser aus immer noch gigantoman, aber doch mit einer Eleganz, wie sie einem Helmut Kohl, unserem Wendekanzler und oberstem Trampeltier gut anstand.
Dann die Museumsinsel mit seinen klassizistischen Bauten. Mit einem Schlag, ohne vorher je darüber nachgedacht zu haben, verstehe ich plötzlich: Ach ja, Spree-Athen! Natürlich! Es geht weiter, weiter nach Osten, die Spree weitet sich, die meisten Bauten rechts und links haben so gar nichts von dem, was man für diesen Teil der Stadt, der Republik für "typisch" hält. Es gibt mehr neue Bauten, frisch und schön restaurierte Brücken als im Westen, die riesige Skulptur der drei turmhohen Männer im Wasser, fantastisch.
Ja und dann, ehrlich, dann verließen sie mich, die Erinnerungskräfte nämlich. 35 Kilometer sind für einen Anfänger eine Menge. Ich habe sie geschafft. Ohne Blasen in den Händen und Schwielen am Hintern. Aber ich habe den letzten Teil zumindest wohl in einer Art Trance absolviert, die gleichmäßige Bewegung, das Geräusch beim Eintauchen der Skulls, das kurze Stöhnen des Bootes, wenn alle gemeinsam durchziehen, Ausheben, die Rollsitze in ihren Schienen. Vielleicht lag das aber am Bier bei der letzten Rast, jedenfalls war es wunderschön, ich werde es nie vergessen und kann froh sein, dass es Wiking nur einmal im Jahr gibt, sonst könnte ich glatt süchtig werden.
Und Berlin? Muss sich weder mit Athen noch Venedig vergleichen. Sehr erstaunlich, dass sich zur Spree hin so optimal präsentiert, sich anscheinend dahin ausrichtet. Weniger verwunderlich, dass es so gesehen weniger schmutzig ist. Welcher Hund scheißt schon aufs Wasser?
Auch wieder ganz Wiking-untypisch: Kaum Wartezeiten beim Anlegen, trotz gleichzeitiger Sprint-Regatta schrumpft die angekündigte gute Stunde auf eine halbe zusammen. Wir holen das Boot an Land, bringen es auf den Sportplatz der angrenzenden Schule. Derweil quirlt schon alles durcheinander, begrüßt sich, trinkt, lacht, isst. Die Müdigkeit der 35 Kilometer verfliegt im Nu.
Hier sei mir ein Wort über die Bewirtung erlaubt. Von Brötchen bis Kuchen ganz hervorragende Qualität zu zivilen Preisen. Ebenso alles anti-alkoholische. Doch beim Bier wird zugeschlagen. 2,30 € für 0,4l sind ein stolzer Betrag, den es zu verkraften gilt. Die Helfer an den Ständen so unermüdlich, dass man fast den Eindruck gewinnen könnte, es handle ich um Profi-Gastronomen, wozu das Outfit der Herrschaften allerdings nicht so recht passen will.
Wiking präsentiert sich in einem großzügigen, lichten und eleganten Boots- und Klubhaus. Das sich hier alles ums Rudern dreht, wird einem spätestens im ersten Stock klar, wo der Raum um einen Achter herum gebaut zu sein scheint, der an der Decke hängt und unmöglich nachträglich hineingeschafft worden sein kann. Das Foto vom Wiking-Achter von der Olypmiade 1936 an prominentestem Platz ist so stark vergrößert, dass es die Unschärfe bekommt, die man bei der Betrachtung dieser Epoche braucht, wenn man sie nicht komplett aus seiner Vergangenheit ausklammern will.
Die Band spielt bewährtes, was hervorragend zum Tanzen animiert. Die Jugend bestaunt, wie die Alten aus sich herausgehen. Leider wird nicht einmal in den Pausen der Band, die aus der Retorte überbrückt werden, Rücksicht auf den Geschmack der Kids genommen. Alles tanzbare aus neuerer Zeit fehlt komplett. Dann zum "Alohaheahe" ein ganz ungewohntes Bild. Alle in der Halle bilden mit gegrätschten Beinen sitzend Reihen über die komplette Länge und wiegen sich im Takt der Musik nach hinten, vorne, links und rechts, eine Riesen-Gaudi. Diejenigen, denen die Musik zu laut ist, halten sich vor dem Haus und in seinem Obergeschoss auf, können das Treffen für informelle Gespräche nutzen und die laue Nacht genießen.
Um 10 machen wir Schluss mit lustig, man tritt die Heimreise an, meist per BVG, wo man sich, mit den Bootsflaggen in der Hand von unkundigen auch mit Fußballfans verwechseln lassen muss.
Auch der Sonntag mit herrlichem Wetter, das Chaos beim zu Wasser lassen der Boote doch etwas größer als umgekehrt am Vortag, da ein Steg mit Motorbooten belegt ist.
Heute geht es durch den Landwehrkanal, der zunächst ganz industriell geprägt ist, aber auch hier bezaubert der ins Unkraut gemischte, herbstlich gefärbte wilde Wein den hartgesottensten Realisten.
Dann die wunderbaren Brücken in Neukölln und Kreuzberg, keine wie die andere, die passenden Häuser, Berlin scheint wie aus einer anderen Zeit, die Wunden des Krieges nicht hier geschlagen worden zu sein. Die U-Bahn als Hochbahn, immer wieder schöne, elegante, kühne Perspektiven. Damals haben die Architekten der Zweckbauten noch Rücksicht genommen auf das ästhetische Empfinden der Menschen, Industrie und Verkehr dargestellt als Chance.
An der Schleuse im Tiergarten endlich die Wiking-üblichen Wartezeiten. Das liegt an den Ausflugsdampfern, die immer Vorrecht haben, was eigentlich nicht einleuchtet! Zumindest einmal im Jahr, bei der Sternfahrt nach Wiking, wo in dem Booten mindestens so viele Gäste von auswärts sitzen wie in den Ausflugsdampfern, könnte man den Ruderern andere Rechte einräumen. Das schwingt auch im Kommentar eines Ruderkameraden mit, "det is imma det schöne an Wiking: Det Chaos!", der latent andeutet, dass bei allem Fatalismus diese Ungerechtigkeit als solche empfunden wird. Aber da das Wetter so hervorragend mitspielt, dass man sich sogar ein kleines Nickerchen am Ufer erlauben kann, leidet die Stimmung nicht. Als die Schleuse endlich für uns frei ist, finden 33 Boote darin Platz, alle die gewartet haben werden mitgenommen, was nur mit größter Rücksichtnahme und Kooperationsbereitschaft möglich ist. Auf der Brücke bilden sich Trauben von Zuschauern, die das ungewöhnliche Schauspiel und diese besondere Atmosphäre der Solidarität mit Applaus honorieren.
Doch spätestens nach der Charlottenburger Schleuse werden meine Arme lang. Ich entdecke den restlichen Teil der Strecke, der identisch ist mit dem ersten des Vortages, wieder völlig neu. Noch ein Streich meines Gedächtnisses, das sich bei aller Liebe nicht ans Rathaus Spandau erinnern will. Komisch.
Auch frage ich mich die ganze Zeit über, wie ich das Boot aus dem Wasser bekommen will, wo ich mir nicht einmal vorstellen kann, den Weg bis zum Bootshaus auf eigenen Füßen zu schaffen. Endlich angekommen geht alles ratz-fatz, unsere Jugend hilft allen Alten und Schwachen auf charmanteste Art und Weise und ich nehme den kalten Wasserstrahl aus dem Schlauch (als gerechte Strafe für meine dummen Sprüche über den ganzen Vorabend) klaglos dafür in Kauf.
Mit den Gästen werden noch Adressen ausgetauscht, um sich die Foto-CDs zu schicken, eine letzte Zigarette, ein letztes Bier, ungewohnt wenig Worte, viel Einigkeit im Schweigen und dann sind alle plötzlich ganz schnell verschwunden und suchen wahrscheinlich den wohlverdienten Schlaf.
Mit diesem "Event" gibt Wiking der Rudergemeinde die Gelegenheit, dieses einmalige Berliner Revier auf einzigartige Weise zu genießen. Das Datum 3. Oktober, Tag der Deutschen Einheit passte ebenfalls. Die wurde so auf ganz besondere Art gefeiert, lag doch ein großer Teil der Streckenführung im ehemaligen Osten. Das sollte jeder Ruderer wenigstens einmal mitgemacht haben. Ich werde mir es nach Möglichkeit im nächsten Jahr wieder geben und danke allen Mitgliedern der Dresdenia, dass sie mir als auswärtigem Mitglied ihre uneingeschränkte Gastfreundschaft gewährt haben.
Eines allerdings ist mir nicht gelungen: Das wunderbare Wetter wieder mit in den Westen zu nehmen. Bei mir zu Hause am Rhein herrschte typisches Wiking-Wetter mit Regen, Wind und lausigen Temperaturen.
Susanne
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