Rudern @ Dresdenia Berlin
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In der Ruhe liegt die Kraft

 

Hinein ins volle Vereinsleben

Sofort, als die neue Arbeitsstelle in Berlin in den Bereich des Wahrscheinlichen rückte, nahm ich mir vor, an diesem Ort das Rudern zu lernen. Irgendwie wollte ich immer schon rudern, fragen Sie mich nicht warum.
Von meiner ersten Bleibe aus, am Sandheideweg, machte ich morgens und abends einen Spaziergang an der Scharfen Lanke entlang, und ich sah sie alle, die Clubs mit den Namen, die an schlagende Verbindungen erinnern. Bei der Recherche im Internet blieb dann nur noch einer übrig, was immer ich auch tun mochte: "DRESDENIA". Meine elektronische Anfrage wurde von einem gewissen "Dennis" umgehend beantwortet, auch ein gewisser Herr Würger meldete sich sofort telefonisch, um mich in seinen ausbildenden Griff zu nehmen. Als ich mal zufällig nach der Arbeit im Clubhaus vorbeischaute, geriet ich an einen Herrn Traebert, der mir das Haus zeigte und die Runde mit seinem eigenwillig trockenen Humor würzte. Warum also nicht.
Nun war es allerdings Februar, oder auch März. Bei der ersten Verabredung zum Rudern an einem sonnigen, aber eisigen Mittwoch Nachmittag zeigte sich stark welliges Wasser und Frau Poppe, die mit mir in einem Boot sitzen sollte, zögerte, was ich nicht recht verstehen konnte: Der Vierer mit den Jugendlichen auf der anderen Seite der Lanke glitt elegant, leicht und sicher durch das Wasser, die Skulls bewegten sich wie von einer Hand in exaktem Gleichmaß. Herr Würger klärte mich beiläufig darüber auf, dass es immerhin zwei Sekunden pro Grad Wassertemperatur bräuchte, um den Kreislauf zum Erliegen zu bringen, wenn man denn hineinfiele, mutmaßte 4°C (also 8 Sekunden)... plötzlich erinnerte ich mich schlagartig an einen dringenden Termin, den ich um ein Haar vergessen hätte und verabschiedete mich, nicht ohne mich vorher in der Gastronomie blicken zu lassen und einige Clubmitglieder in locker freundlich flachsendem Gespräch zu beobachten. Also, denn bis zur nächsten Gelegenheit.

Alle in einem Boot

Als ich das erste Mal in ein Boot stieg, merkte ich plötzlich, was für eine wackelige Angelegenheit das war. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.
Als ich das erste Mal in dem Boot saß, merkte ich plötzlich, was man bei einem so einfachen, steten Bewegungsablauf alles falsch machen konnte, welch unerschöpflichen Quell der Fehler ich in der Lage war zu produzieren. Na ja, dass ich eine "rhythmische Wildsau" sei, hatte mir schon vor langer Zeit Eppi bescheinigt, ein Freund, mit dem ich Musik machen wollte. Nur dass beim Musikmachen nicht die Gefahr bestand, ins Wasser zu fallen, wenn man aus dem Takt kam, keine Skull-Spaghetti, keine Hintermänner, die sich verzweifelt die Haare raufen würden, wenn sie denn die Ruder loslassen könnten.
Anders beim Rudern: "Susanne!" tönt es immer wieder mahnend, verzweifelt, erschreckt aus Hadis – den Würger darf ich inzwischen weglassen - Mund, der sogleich ansetzt auszumalen, was alles passieren hätte können. Erzählungen, die so spannend sind, dass ich darüber das Rudern komplett vergesse, bis ich endlich "von Schlag" auf einen hinteren Platz verbannt werde, wo mir sofort das tiefste Verständnis erwächst über die Probleme der Hintermänner, habe ich doch jetzt selbst eine ungeübte Ruderin vor mir... bis ich sie endlich auf einen hinteren Platz verbanne und es selbst wieder versuche, wobei mir meine vorher gewonnenen Einsichten allerdings nicht allzu viel helfen. Komisch: Zu wissen, worauf es ankommt und entsprechend zu handeln sind zwei Paar Schuh... gab es da nicht irgendwann einmal einen Trommler, der den Ruderern die Takt wies... so zu Zeiten der Galeerensklaven...
Überhaupt kommt es beim Rudern nicht darauf an, dass ich mich maximal austobe, schnell reagiere, auf mich gestellt, an die Grenzen meiner Kraft stoße, sondern darauf, dass ich mich einfinde in die Mannschaft, ihren Rhythmus, wir ein gemeinsames Maß an Kraft finden, das sich am Schwächsten orientiert.

Rudern weitet die Seele

Ein gemeinsames Einatmen, ein gemeinsames Vorrollen, ein gemeinsames Einsetzen der Skulls, ein gemeinsames Ausatmen, erst nur mit den Beinen abstoßen, zurückrollen, dann mit den Armen nachziehen, das Zentrum der Kraft in der Mitte des Leibes, dann wieder ausheben, langsam nach vorne rollen, die Beine in den Bauch ziehen, aber die Arme, die Brust geweitet.
"Rudern muss vom Herzen kommen" hatte Manfred nach dem ersten gemeinsamen Rudergang verlauten lassen, bevor unsere Aufmerksamkeit wieder von Hadi beansprucht wurde, der uns in weitere Details der Unfallverhütung beim Umgang mit Ruderblättern einweihen musste. Er hat Recht. Hadi natürlich auch.
Ein Balanceakt. Die Skulls als Balancierstangen, denn das Boot ist nicht stabil, es hat keinen Kiel, eher wie ein Baumstamm im Wasser, gehalten durch die Mannschaft, ihr Gleichgewichtsgefühl, ihren umsichtigen Umgang mit den Skulls, gehalten auch durch die Bewegung des Bootes, das durch das Wasser gleitet, die natürlich nicht gestört werden darf, durch das Einsetzen und Ausheben der Skulls, durch abrupte Bewegungen seiner Insassen. Ein Unterordnen, dass uns nicht leicht fällt, uns unverbesserlichen Individualisten, die Krone der Schöpfung. Ein Atemschöpfen, dass wir uns selten gönnen, als professionelle Hektiker. Die Konzentration, die uns abverlangt wird, die schlagartig alles andere in den Hintergrund treten lässt, bringt unvergleichlich schnell Entspannung.
Dazu die Idylle: Die Sonnenstrahlen auf dem Wasser, der Kuckuck, die Reiher, die kleinen Enten, die Havel, die unvergleichlich Schöne. Ein Fluss, der den Vergleich mit dem vielbesungenen River Shannon der Iren nicht zu scheuen braucht, auch wenn die Berliner nicht so poetisch veranlagt sind und deshalb nicht die richtigen Worte finden dafür.
Wahrscheinlich aber auch nicht suchen, sondern einfach still genießen.
So habe ich einen wunderbaren Ausgleich gefunden zu meinem wirklich stressigen Job hier in Berlin, weitab von meiner Familie, die mir fehlt und am Rhein lebt, auf dem ich wahrlich nicht rudern möchte. Nach einem Jahr werden alle Anfangsschwierigkeiten vergessen sein, es ist einfach nur noch schön und ich habe jetzt schon ein wichtiges Kapitel gelernt. Fürs Leben! Geduld.
Meinen Dank an die Dresdenia und Ihre unermüdlichen Mitglieder, den Ausbilder, Gabi, die ihn mir in seinen Ferien ersetzt hat, den Web-Master, allen, die Haus und Grund so wunderbar pflegen und allen, die sich gemeinsam mit einem solchen dummen Ruderküken wie mir am Riemen reißen.

 

In der Ruhe liegt die Kraft!
Susanne Böhling


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